Montag, 6. August 2018

Nathan der Weise auf der Clingenburg - hochaktuell und tiefgründig

Recha (Franziska Lißmeier) und ihr Vater Nathan (Joachim Henschke).
In der Jubiläumssaison 25 Jahre auf der Clingenburg ist das Programm der Clingenburg-Festspiele besonders vielfältig und von herausragender Qualität. Das Hauptstück, Leonard Bernsteins West-Side-Story ist fulminant inszeniert und besticht durch eine hinreißende Choreografie mit vielen beeindruckenden Tanzszenen und brillanten Vokalbeiträgen. Ein Klassiker wie Nathan der Weise bietet einen Kontrast zu dieser turbulenten Musicalaufführung. Aber er hat mit Bernsteins West-Side-Story gemeinsam, dass es um Toleranz und Mitmenschlichkeit geht. Wenn beides erfüllt wird, dann wären  fatale Entwicklungen - wie in der West-Side-Story - erst gar nicht eingetreten.

Daja (Ramona Schmid) versucht, ihre Überzeugungskraft anzubringen.

In Nathan der Weise, im Programm als »epochales Bühnenwerk« nach der Vorlage von Gotthold Ephraim Lessing beschrieben, werden Parallelen zur Gegenwart bewusst eingeflochten. Hier hat Marcel Krohn als Regisseur die aktuelle Tagespolitik in den Epilog von Suleika (Kumari Helbling) einfließen lassen. Sie prangert an, dass es immer nur um monetäre Interessen geht, der Mensch dabei keine Rolle spielt. Sie rüttelt auf, weist unter anderem auf die Kriege im arabischen Raum hin, wo die Bevölkerung hingemetzelt wird und viele aus Angst vor dem Tod fliehen, aber im Mittelmeer ertrinken.

Der junge Tempelherr (Alexander Ruttig) mit dem Patriarchen (Konrad Adams).
Bravourös ist die Darstellung des Nathan durch Joachim Henschke, der in allen Szenen überzeugt und klar macht, was dieses Lessingsche Toleranzdrama ausmacht: Die Vision vom Frieden aller Religionen. Für die Zuschauer auf der Freilichtbühne der Clingenburg ist dieses beeindruckende Schauspiel ein besonderes Erlebnis, zunächst von der Abendsonne beleuchtet. Wenn sie gesunken ist, wird das Bühnenbild von Scheinwerfern erleuchtet. Schön anzusehen sind auch die Kostüme, die von Isa Mehnert entworfen wurden. Der Aufforderung von Alexander Ruttig (Darsteller des Tempelherrn) nach der Aufführung sind wir (meine Tochter und ich) gerne nachgekommen und haben für die Jemenhilfe gespendet.

Sultan Saladin mit seinen Schwestern Suleika (Kumari Helbling) - links - und Sittah (Jasmin Alshaibani).

Kurzbeschreibung: 

Der jüdische Kaufmann Nathan kommt von einer Reise zurück und findet sein Haus abgebrannt. Ein christlicher Kreuzritter hat seiner Tochter Recha das Leben gerettet. Er selbst hat sein Leben einer Begnadigung durch Sultan Saladin zu verdanken. Dieser fragt Nathan nach der »wahren Religion«. Nathan, der zu Recht als weise bezeichnet wird, erzählt eine Parabel von einem Ring, in der Mitmenschlichkeit eine entscheidende Rolle spielt. Im Verlauf der Handlung werden verblüffende verwandtschaftliche Verhältnisse geklärt, die letztlich zu der klaren Erkenntnis führen: Religion spielt keine Rolle, allein die Menschlichkeit, der Respekt und die Toleranz vor dem Gegenüber.

Entspannung beim Gitarrenspiel des Derwischs (Ilya Sadykov).


Die Darsteller:
Nathan: Joachim Henschke
Sultan Saladin: Manuel Lopez
Daja: Ramona Schmid
Junger Tempelherr: Alexander Ruttig
Klosterbruder: Werner Wulz
Recha: Franziska Lißmeier
Sittah: Jasmin Alshaibani
Suleika: Kumari Helbling
Derwisch: Ilya Sadykov
Patriarch: Konrad Adams

Klosterbruder (Werner Wulz) im Gespräch mit dem jungen Tempelherrn.

Donnerstag, 14. Juni 2018

900ste Besucherin im Skulpturengarten von Karin und Wolfgang Günther in Eschau-Sommerau

Der 900sten Besucherin im Skulpturengarten, Annermarie Antlvom Literaturkreis Hanau, überreicht Karin Günther (links) ein Willkommensgeschenk. Foto: Ruth Weitz 

Es war bereits das zweite Mal, dass ich am 13. Juni mit meiner Tochter nach Eschau-Sommerau fuhr, um an einer Führung durch den Skulpturengarten von Karin und Wolfgang Günther teilzunehmen. Dem Termin hatte ich schon lange zugesagt. Eigentlich war er für eine Main-Echo-Reportage vorgesehen, denn die 900ste Besucherin sollte begrüßt werden. Doch ein anderer freier Mitarbeiter hatte zuvor für einer öffentlichen Führung einen Auftrag erhalten (wie es dazu kam, weiß ich nicht 😒) Er hat lediglich über die Kunstobjekte geschrieben, nicht aber über die spannenden historischen Hintergründe des ehemaligen Palais, in dem die Günthers wohnen und an dem sich ihr parkähnlicher Garten befindet. Ich, beziehungsweise die Familie Günther, mussten den Kürzeren ziehen. Ein Bericht im Main-Echo über die 900ste Besucherin wird nicht erscheinen - Schwamm drüber! Da ich aber halte, was ich verspreche, bin ich trotzdem hingefahren, auf eigene Kosten und ohne Erwartung eines Honorars. Außerdem wurde ich anders entlohnt: mit einem spannenden Vormittag, einer Begegnung mit netten Menschen, farbenfroher Kunst und interessanten Geschichten.

Hier lässt es sich prima sitzen, umringt von farbenfrohen Skulpturen. Foto: Ruth Weitz


Jubiläum im Skulpturengarten:
Annemarie Antl ist die 900ste Teilnehmerin bei den Führungen

Es war kühl und bewölkt an diesem Dienstagvormittag, als die 35 Teilnehmer des Literaturkreises Hanau an der Elsvastraße 122 ankamen, dort, wo sich das ehemalige Adelspalais der Freiherren von Fechenbach befindet. Das erwies sich nicht unbedingt als Nachteil, denn die Gäste hatten sich dem Wetter kleidungsmäßig angepasst. Es gab auch keinen Regen, so dass die Führung durch den Skulpturengarten rundum vergnüglich war. Die Leiterin des Kulturkreises, Gerlinde Seelmann, war bereits im vergangenen Jahr in Sommerau gewesen, um an einer Führung teilzunehmen. Ihre Begeisterung hat sie weitergegeben und die Gruppe so neugierig gemacht, dass 35 Personen einer Fahrt nach Sommerau zusagten. Eine davon war Annemarie Antl. Sie war die 900ste Besucherin, die an der Führung im Skulpturengarten teilnahm.




Ein kurzes Video gibt einen kleinen Eindruck von den Führungen durch den Skulpturengarten.


Das Adelspalais in Sommerau

Karin und Wolfgang Günther leben seit 1987 in einem 500 Jahre alten Adelspalais der Fechenbacher, heute Elsavastraße 122. Es ist das Elternhaus von Wolfgang Günther. Sein Urgroßvater Richard Wehsarg hatte es 1897 dem Freiherrn Elmar von Haxthausen abgekauft und betrieb dort seine Praxis als Landarzt bis ins hohe Alter. Er wurde als »reitender Doktor« bekannt, weil er seine Patienten hoch zu Ross besuchte. Wehsarg starb 84-jährig im September 1946. Gegenüber des Adelspalais' befindet sich das Sommerauer Schloss. Der kleine Park, der sich an das heutige Wohngebäude anschließt, ist inzwischen von den zahlreichen Kunstwerken Karin Günthers bevölkert und mittlerweile ein Skulpturengarten, in dem sich Kunst, Natur und Heimatgeschichte begegnen.

Mein Bericht über eine öffentliche Führung im vergangenen Jahr:
Kunst und Heimatgeschichte in Eschau: Ehemaliges Fechenbachsches Palais mit Skulpturengarten

Montag, 28. Mai 2018

Ein Sprachgenie auf dem Weg zur Geschlechtsangleichung

Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch neben der Muttersprache Deutsch beherrscht Chris Fries aus Leidersbach fließend.  Foto: Ruth Weitz

Es ist ein komplizierter und langer Weg zur Geschlechtsangleichung, und es gehört viel Mut dazu. Chris Fries aus dem unterfränkischen Leidersbach hat den Schritt gewagt. Eigentlich hatte ich von der hiesigen Tageszeitung den Auftrag, über Menschen mit besonderem Sprachtalent zu berichten. In einer Meldung, einem so genannten Eckenbrüller, hatte die Redaktion dazu aufgefordert, sich zu melden. Eine Dame, die ich zufällig auch noch kenne, wurde von ihrem Ehemann ins Spiel gebracht. Sie lehnte eine Veröffentlichung in der Zeitung ab. Später dann rief eine Mutter in der Redaktion an und meldete ihren Sohn. Ich hatte nur zwei Mobilfunknummern, aber weder den Namen noch die Adresse. Also rief ich an, fragte nach Namen und Adresse und vereinbarte einen Termin. Es war ein kleines Abenteuer, das Haus zu finden. Es liegt ganz oben auf dem Berg an einer engen Straße. Es mutete ein wenig an wie eine Fahrt zu einer Trattoria über eine Bergstraße am Gardassee. Das, was beim Telefonat bereits angedeutet worden war, nahm nach dem Öffnen der Tür im wahrsten Sinne Gestalt an. Chris, so der Vorname meines Interviewpartners, war eigentlich eine Interviewpartnerin - ein »Transgender« - und erzählte mir während des Gesprächs ihre Geschichte. Sie befindet sich zurzeit mitten in einer Geschlechtsangleichung und wird, wenn alles abgeschlossen ist, eine Frau sein, die sich bisher im falschen Körper befand. In einigen Mails, die wir nach dem Interview austauschten, hat Chris unter anderem betont, dass sie ihren toleranten Eltern für die Rückenstärkung sehr dankbar ist. Außerdem möchte sie auch jetzt schon mit dem weiblichen Personalpronomen »sie« genannt und angesprochen werden. Es beeindruckt mich sehr, wie offen Chris mit ihrer Geschlechtsangleichung umgeht und anderen Mut machen will. Beeindruckt bin ich auch von ihrer Sprachbegabung. Sie spricht neben Deutsch vier Sprachen fließend: Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch.


Hier mein Originaltext zum Zeitungsartikel:


Chris Fries aus dem Leidersbacher Ortsteil Roßbach ist ein Sprachtalent und ein bewundernswerter Mensch, der offen mit seinem transidenten Weg umgeht. Mit 29 Jahren befindet sie sich mitten in der Geschlechtsangleichung vom Mann zur Frau und möchte anderen in ähnlicher Situation Mut machen, eine klare Entscheidung zu treffen und selbstbewusst für den gewählten Weg einzustehen.

Chris, die Abkürzung von Christiane, beherrscht neben der Muttersprache Deutsch noch weitere vier Sprachen: Spanisch, Italienisch, Englisch und Französisch. Nach dem Abschluss des Masterstudiengangs »Fach- und Medienübersetzen« an der Fachhochschule Würzburg möchte das Sprachtalent gerne den Berufsweg des Übersetzers in einer Fach-Agentur einschlagen. Von maschineller Übersetzung wie Google Translate hält Chris wenig, obwohl sie in den letzten Jahren beträchtliche Fortschritte gemacht habe. »Bei Fachübersetzungen, zum Beispiel technischer oder medizinischer Art, kommt man hier schnell an seine Grenzen«, so die Begründung.

»Am liebsten wäre mir, wenn eine Anstellung bei einer Übersetzungsagentur im Raum Frankfurt klappen würde«, sagt Chris. Der Heimatort Leidersbach ist dann nicht allzu weit weg. »Ich bin sehr dankbar, so tolerante Eltern zu haben, die mich immer unterstützt und mir Mut gemacht haben.« Diese Aussage erklärt, warum Chris auch heute noch gerne in seinem Elternhaus ist und die Nähe zur Familie ein wichtiger Punkt in Sachen Lebensqualität.

Schon in der Kindheit hat sich Chris’ Sprachgefühl gezeigt. Bei einem Urlaub in Österreich hat der Dialekt eine besondere Faszination ausgeübt und zur Nachahmung gereizt.« Ich finde es toll und wichtig, wenn Menschen ihren Dialekt pflegen. Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive ist schon lange bekannt: dialektale Varietät fördert das Sprachvermögen. Das Beherrschen der Hochsprache zusammen mit einem Dialekt stellt eine Art Zweisprachigkeit dar«, erklärt Chris.

Wechsel vom naturwissenschaftlichen zum sprachlichen Gymnasium


Der Wechsel vom Erlenbacher Hermann-Staudinger-Gymnasium mit naturwissenschaftlicher Ausprägung zum sprachlich sowie wirtschafts- und sozialwissenschaftlich orientierten Julius-Echter-Gymnasium in Elsenfeld war eine logische Entscheidung, um der Sprachbegabung den beruflichen Weg zu ebnen. An der Euro-Akademie in Aschaffenburg hat Chris dann nach dem Abitur eine Ausbildung zum staatlich geprüften Fremdsprachenkorrespondenten abgeschlossen und erklärt dazu: »Hier habe ich gerade die spanische Sprache optimieren können.«

Zunächst war der Plan, ein Studium fürs Lehramt an Gymnasien zu absolvieren. Das ist Chris mit dem Abschluss des Ersten Staatsexamens auch gelungen. Doch dann hat sie sich dazu entschieden, die medizinische und rechtliche Geschlechtsangleichung einzuleiten. »Ich habe eigentlich schon immer gespürt, dass ich anders bin, aber erst während des Studiums wurde mir klar, wie sich das Anderssein darstellt.« Chris berichtet, wie durch entsprechende Informationen der Entschluss gereift ist, den langwierigen und lebensverändernden Prozess auf sich zu nehmen. Ein Referendariat an wechselnden bayerischen Orten hätte das Vorhaben um Jahre zurückgeworfen, zumindest die Behandlung erheblich kompliziert.


Berufswunsch Übersetzerin 


So hat Chris sich entschieden, als Übersetzerin zu arbeiten. Die Option, das erforderliche Referendariat für eine Lehramtstätigkeit zu absolvieren, bestehe ja weiterhin. Ein finanzielles Zubrot zum Studium verdient sich Chris mit der Übertragung von Schulbüchern in ein digitales Format der Blindensprache für die Medienabteilung einer staatlichen Schule für Blinde und Sehbehinderte in Baden-Württemberg. »Das macht sehr viel Spaß, denn es bedeutet eine Herausforderung!« Chris könnte sich vorstellen, noch weitere Sprachen zu lernen. Zum Beispiel Russisch. Die Antwort auf die Frage, warum gerade Russisch: »Die komplizierte Grammatik reizt mich«.

Eine Video-Reportage zum Thema




Ein kleiner Spanischkurs

Im Spanischen gibt es sehr viele Sprichwörter mit dem Wort 'pan' (Brot), da es in Spanien Grundlage für praktisch jedes Essen ist. Ein typisches Sprichwort ist zum Beispiel »Con pan y vino se hace el camino«. Das heißt wörtlich: »Mit Brot und Wein pilgert es sich fein«. »Camino« wird in diesem Kontext oft groß geschrieben weil es für den »Camino de Santiago« (Jakobsweg) steht. Es bedeutet, dass man sich auf diesem Weg und natürlich auch im Leben allgemein mit den wirklich notwendigen Dingen ('pan' und 'vino' als Symbol) begnügen sollte und als Maßstab für den eigenen Lebensstil keine zu hohen Ansprüche ansetzen sollte.




Dienstag, 1. Mai 2018

Asperger Autismus hat viele Gesichter


Asperger-Autisten haben eine eigene Welt und eine ganz andere Sicht der Dinge. 
(c) Can Stock Photo / Bialasiewicz 
Es ist schon fast ein Jahr her, dass ich mich intensiv mit dem Thema Asperger befasst habe. Eine liebe Freundin, die ich schon lange kenne und aus den Augen verloren hatte, ist mir in diesem Zusammenhang wieder begegnet. Es war schwer Betroffene für ein Interview zu gewinnen. Andrea Schmitt hat einen Sohn, der dieses Handicap hat. Sie war bereit, in die Öffentlichkeit zu gehen, um auf diese Art der Behinderung aufmerksam zu machen, die gar nicht so selten ist.

Eine Odyssee bis zur klaren Diagnose

Das Verständnis der Umwelt für Menschen mit Asperger ist gering bis gar nicht vorhanden. Der Grund: Die Behinderung ist ihnen nicht anzusehen, aber ihr Verhalten unterscheidet sich von dem der Mehrheit. Der zwölfjährige Simon aus Elsenfeld erscheint auf den ersten Blick als aufgeweckter und fröhlicher Junge. Dennoch, er ist behindert, denn er ist ein Asperger Autist. Wer seine Behinderung annimmt und auf ihn eingeht, kommt blendend mit ihm aus. Wer kein Verständnis hat und nicht erkennt, wie Simon tickt, wird Probleme haben. Verhaltensmuster, die der Norm entsprechen, laufen bei dem Zwölfjährigen ins Leere.

Oft durchlaufen Betroffene eine Odyssee, bevor die Diagnose klar ist. In vielen Fällen wird eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert. Die Symptome von ADHS sind bisweilen auch eine Begleiterscheinung des Asperger-Syndroms, aber nicht immer. Es gibt unterschiedliche Ausprägungen, mal mit leicht autistischen Zügen, mal mit starker Ausprägung.

Simons Jugend ist zugleich auch sein Vorteil, denn er hat bereits als Kleinkind die Förderung erhalten, die älteren Asperger-Autisten nicht zuteil wurde. Die Diagnose war auch schon frühzeitig klar. In den letzten Jahren hat sich viel verändert. Die Fördermöglichkeiten sind im Rahmen der Inklusion besser geworden, wenn auch noch lange nicht optimal, wie Andrea Schmitt, Simons Mutter, meint. Simon besucht derzeit die sechste Klasse der Realschule in Elsenfeld und hat eine Schulbegleiterin zur individuellen Betreuung während des Unterrichts.

Mutter und Sohn verstehen sich gut. Andrea Schmitt weiß,
wie sie mit Simons Behinderung umgehen muss.

Asperger Inselbegabungen

Die Menschen, die sich auf Simon einlassen, sind seine Freunde, von denen er sich auch berühren und umarmen lässt. Er legt großen Wert auf Sauberkeit und Hygiene, Geräusche machen ihn nervös, wenn er sie nicht zuordnen kann. Er kontrolliert zu Hause die Lebensmittel und möchte sie am liebsten schon vor dem Ablaufdatum entsorgen. Wenn ihn etwas interessiert, dann ist er voll und ganz bei der Sache, zum Beispiel liebt er Englisch als Schulfach und ist entflammt fürs Prozentrechnen, bei dem er als As brilliert.

Seine Formulierungen in Kommentaren zu bestimmten Ereignissen bringen seine Mutter und andere Menschen immer wieder zum Lachen. Als er morgens beim Frühstück das Ei vermisste, sagte er enttäuscht: »Mama, Frühstück ohne Ei ist wie eine Lampe ohne Licht und ein Haus ohne Bausteine«. Simon liebt Jahrmärkte und Vergnügungsparks, vor allen Dingen die Fahrgeschäfte. Daraus ergibt sich auch einer seiner Berufswünsche. Er möchte Konstrukteur für Fahrgeschäfte werden. Die Alternativen sind Spieleprogrammierer und Kassierer. Als begeisterter Bayern-München-Fan hat er sich dann noch Profi-Fußballer als Berufswunsch ausgewählt.

Weitere Informationen und Tipps für Betroffene in der Region gibt es unter der Internet-Adresse www.aspergereltern-untermain.de und beim Jugendamt im Landratsamt Miltenberg, Andrea Schäfer, Dipl.-Sozialpädagogin (FH), E-Mail: andrea.schaefer@lra-mil.de.

Was ist Asperger-Autismus? - Eine Zusammenfassung

Das Asperger-Syndrom ist eine Form des Autismus und eine neurologische Besonderheit. Diese Behinderung beeinflusst die Art und Weise, wie Menschen Reize verarbeiten und mit anderen interagieren. Autismus wird oft als »Spektrum« beschrieben, weil er mal stark autistisch ausgeprägt ist und mal nur ein bisschen. Die Übergänge sind fließend. Das Asperger-Syndrom ist eine Behinderung, die von der äußeren Erscheinung her meist nicht sichtbar ist. Menschen mit Asperger-Syndrom haben Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation, Interaktion und kein soziales Verständnis sowie eine andere Wahrnehmungsverarbeitung als Nichtbetroffene. Sie konzentrieren sich auf Spezialinteressen und haben ein Bedürfnis nach Beständigkeit.
Allerdings verfügen Asperger-Autisten im Gegensatz zu »klassischen« Autisten über einen oft sehr groß Wortschatz, und sie können sich grammatikalisch korrekt und oft auch sehr komplex ausdrücken.


Finanzielle Hilfe für Eltern von Asperger-Autisten

In einer Stellungnahme des Jugendamtes im Landratsamt Miltenberg heißt es: »Asperger Autismus ist als tiefgreifende Entwicklungsstörung dem Bereich der seelischen Behinderungen zuzuordnen. Oftmals weisen Kinder mit Asperger Autismus eine gestörte soziale Interaktion und stereotype Verhaltensmuster auf, wodurch vor allem die Teilhabe an der schulischen Entwicklung beeinträchtigt sein kann. In solchen Fällen kann durch das Jugendamt nach vorheriger eingehender Beratung und Prüfung der Voraussetzungen Eingliederungshilfe nach § 35 a SGB VIII in Form von Schulbegleitung gewährt werden. Sollten ambulante Hilfen nicht ausreichend sein, gibt es auch die Möglichkeit einer stationären Eingliederungshilfe.«

Simons flotte Sprüche

Andrea Schmitt hat einige von Simons Kommentaren gesammelt. Seine Sprüche sind klug und witzig.

Mama, Hände waschen ohne Seife ist wie eine Banane ohne Inneres oder ein Wassereis ohne Wasser.

Mama, die Unterhose sitzt recht knapp.
Hast Du die im Erotikladen für Kids gekauft?

Mama, für dieses Brötchen braucht man eine Kaukraft, als hätte man Zähne an einer hydraulische Presse angebracht!

Mama, ich möchte kein Brötchen zum Frühstück.
Dann habe ich kein Früh-Gefühl.
Lieber Toast.

Simon hat starke Halsschmerzen:
Mama, das Schlucken ist beschwerlich und die Mandeln fühlen sich an als hätte man sie durch Nüsse ersetzt! 

Mama, mein neuer Sportlehrer ist recht angenehm.
Er hat aber einen ziemlich schmalen Schädel.
Daran muss ich mich noch gewöhnen, in meiner Verwandtschaft gibt es nur Dickköpfe!

Simon war mit Papa auf der Canstatter Wasen.
Mama, ich brauche SOFORT Wechselkleidung.
Der Boden auf dem Fest war so was von unhygienisch und wegen der Schwerkraft konnte ich ja nicht über den Boden schweben!!

Simon, ich räume den Ventilator jetzt weg.
Simon: Lass' ihn lieber da, wir haben doch eine globale Erderwärmung!

Simon beim Gespräch mit dem MSD (mobiler sonderpädagogischer Dienst) auf die Frage, ob er schon in sein Hausaufgabenheft geschaut habe:
Dafür ist meine Erziehungsberechtigte zuständig!

Mama, manche Frauen sind so stark geschminkt, da erlangt man kaum Kenntnis vom ursprünglichen Gesicht. 
DICH erkenne ich wenigstens jederzeit! 

Mama, die Pubertät beginnt.
Ich werde vom Kind zum Manne. 
Es entwickeln sich Pickel.
Aber solange sich die anderen Dinge auch entwickeln, kann ich durchaus zufrieden sein!

Stilblüte - der Autor ist Simon:
Mama, ich möchte kein Fleisch mehr, ich will lieber vegetieren!

Abendessen.
Simon hat mehr Essen am Körper als im Magen.
Sein Kommentar: Das war ich nicht, das war mein Pech!"






Donnerstag, 19. April 2018

Die Geschichte der Glanzstoffsiedlung

Sein Kunstwerk auf dem Siedlerplatz in Erlenbach hat Rudolf Müller (rechts) bei der Feier zum 75. jährigen Jubiläum der Glanzstoffsiedlung an Bürgermeister Michael Berninger übergeben.

Am Montag, 22. April 2018 wird im Rahmen des Barbarossamarktes in Erlenbach am Main die Ausstellung 70 Jahre Siedlungsverein und 80 Jahre Glanzstoffsiedlung gezeigt. Konzipiert hat sie Peter Penke, Chronist des Siedlungsvereins.
Hierzu durfte ich eine Blickpunktseite im Main-Echo zusammenstellen. Aus Platzgründen mussten Text gekürzt und Bilder herausgenommen werden. Meine vollständige Arbeit stelle ich hier zur Verfügung. Aber ich empfehle dennoch die heutige Main-Echo-Ausgabe (Lokalteil Obernburg) zu erwerben. Die Seite ist schön gemacht und hat das Wesentliche zum Inhalt.

Fotoausstellung 2012 und 2018


Vor fünf Jahren wurde der 75. Geburtstag der Glanzstoffsiedlung mit einem großen Fest gefeiert. Schon damals hatte Peter Penke eine Fotoausstellung zusammengestellt und eine CD produziert. Seit Monaten arbeitet er zum 80. Geburtstags der Siedlung und zum 70-jährigen Bestehen des Siedlungsvereins an der aktuellen Ausstellung, die am 22. April im Rahmen des Barbarossa-Marktes von 11 Uhr bis 18 Uhr zu sehen sein wird. Dabei ist Peter Penke kein gebürtiger Siedler. Der Hamburger hat sich erst seit 2002 der Liebe wegen dort verwurzelt. Seine Frau Sabrina, ein waschechtes Siedlungskind, ist seit vielen Jahren stellvertretende Vorsitzende des Siedlungsvereins.

Die Siedlung lebt!


»Die Siedlung lebt!«. Dieses Motto prangt auf den T-Shirts der Aktiven des Erlenbacher Siedlungsvereins, der bei den Veranstaltungen jedem Besucher ins Auge sticht. Vor 80 Jahren wurde das erste Haus in der damaligen Glanzstoffsiedlung in Erlenbach gebaut. Zehn Jahre später wurde der Verein gegründet, der das Leben in der Siedlung gesellschaftlich begleitet hat und es bis heute tut. Ein Beweis dafür, dass das Leben jenseits der Bahnlinie immer noch perlt. Die Menschen, die dort wohnen, zeigen einen Zusammenhalt, der seit der Gründung des Siedlungsvereins vor 70 Jahren den nachfolgenden Generationen vererbt wurde. Selbst die, die später dazu kamen, sind mit der Lebensphilosophie verbunden. Ein salopper Spruch aus der Blütezeit der Glanzstoffwerke klingt älteren Bewohnern entlang des Maintals und aus dem Spessart und Odenwald noch in den Ohren: »Elsenfeld hat den Gestank, Obernburg den Namen und Erlenbach das Geld«. Heute hat sich allerdings in dieser und anderer Hinsicht viel geändert.


Die Geschichte der Glanzstoffsiedlung



Das Musterhaus und erste Wohngebäude in der Erlenbacher Siedlung, in das die Familie von Adam Klein einzog.


Heute stellt sich das ehemalige erste Siedlungshaus von 1938 in der Rosenstraße 2 als schmuckes Wohnhaus dar.

Eine Besprechung in den Vereinigten Glanzstoffwerken, bei der es auch um die Frage der Gründung eines neuen Gemeindebezirks ging, war die Geburtsstunde der Erlenbacher Siedlung. Ziel war es, den Arbeitern ein eigenes Heim in Nähe der Fabrik zu geben. Der damalige Erlenbacher Bürgermeister Justin Kirchgässner hatte es abgelehnt, einen eigenen Gemeindebezirk zu gründen. Nach einer abermaligen Besichtigung der Erlenbacher Gemarkung mit der Direktion des Glanzstoffwerkes und Vertretern der staatlichen Stellen fand eine Einigung statt, die sich auf die jetzige Lage in den Fluren »Altwasser und Dornbaum« als künftigem Siedlungsgelände konzentrierte und der Gemeinde Erlenbach zugeordnet wurde.

Bereits am 27. September 1937 wurde mit dem Spatenstich zum ersten Siedlerhaus begonnen. Es galt als Musterhaus für die weiteren Gebäude. Am 2. Oktober erfolgte die Grundsteinlegung, am 12. Oktober das Richtfest , nach nur sieben Wochen, am 15. November, war es fix und fertig. Am 1. Dezember 1937 bezog der erste Siedler Adam Klein mit seiner Frau und seinen vier Kindern das erste Siedlerhaus. Das Musterhaus wurde für die Öffentlichkeit zur Besichtigung zur Verfügung gestellt. Es wurde von 3487 Besuchern in Augenschein genommen. Werden die die vielen Schulklassen mit ihren Lehrern der umliegenden Dörfer hinzugerechnet, sind wohl über 5000 Besucher über die Türschwelle getreten.

In der einen Ecke des Hauses wurde eine Urkunde eingelassen, die später noch davon Zeugnis gibt, wie viele sich eifrig an dem Bau des Siedlerhauses beteiligt und wie viele Behörden mitgewirkt haben.

Der Anfang war gemacht. Im Februar 1938 waren es dann schon 33 Siedler, die gemeinsam in Handarbeit mit dem Aushub für ihr eigenes Siedlerheime begonnen hatten und sie im Zeitfenster von vier Monaten fertigstellten.

Für die endgültige Anlage der Glanzstoffsiedlung waren 250 Siedlungshäuser, 33 Eigenheime, 36 Volkswohnungen und 4 Mietshäuser geplant.


Die ersten Häuser in der Glanzstoffsiedlung sind gebaut.

Bis 1972 hielt sich der Name »Glanzstoff«, danach war es die »Enka«, ab 1991 »Akzo«, von 1994 bis 1999 »Akzo Nobel« und anschließend »Acordis«. Im Jahr 2003 wurde der Standort in viele Einzelbetriebe aufgeteilt und heißt ab diesem Zeitpunkt Industrie Center Obernburg (ICO), das von der Betreibergesellschaft Mainsite GmbH & Co. KG verwaltet wird.

Der mittlerweile verstorbene Heinz Glaab, Urgestein des Erlenbacher Siedlungsvereins, überreicht seine Dokumentation an Bürgermeister Michael Berninger.


Bei der 75-Jahr-Feier der Siedlung im Jahr 2012 waren mittlerweile verstorbene Zeitzeugen dabei, die an die Anfänge der Glanzstoffsiedlung erinnerten: Hans Klein, direkter Nachkomme von Adam Klein, Angehöriger der ersten Siedlerfamilie und Heinz Glaab, der die Geschichte des Siedlungsvereins maßgeblich geprägt hat und aus dessen Unterlagen Peter Penke seine Fotoausstellungen zusammengestellt hat. Glaabs Aufzeichnungen hat er im Rahmen des Jubiläumsfestes in 2012 an Bürgermeister Michael Berninger übergeben.

Der Siedlungsverein Erlenbach damals und heute


Die Vereinslizenz »Siedlerverein Erlenbach am Main« wurde am 24. August 1948 vom Landratsamt Obernburg erteilt. Erster Vorsitzender war Josef Wesner, als zweiter Vorsitzender fungierte Adam Klein. Am 4. Oktober 1952 wurde beschlossen, den Verein in »Siedlungsverein« umzubenennen. Zweck und Aufgaben sind bis heute unter anderem die Pflege der Gartenanlagen, die Zusammenarbeit mit anderen Vereinen und die Kontaktpflege mit der Kommunalverwaltung. 64 Schrebergärten nördlich der Siedlung in Mainnähe wurden betreut und verwaltet. Dies ist auch heute noch der Fall. 
1961 wurde mit dem Bau des Siedlerheims in der Pestalozzistraße 12 begonnen. 1966 wurde es offiziell eingeweiht und ist bis heute Versammlungs- und Veranstaltungsort.



Der Saal des Siedlerheims in der Petalozzistraße wird auch heute noch als Veranstaltungsraum genutzt.


Oliver Frenzl wurde 1981 in Miltenberg als waschechtes Siedlungskind geboren. Er ist selbstständiger Buchhalter, verheiratet und hat zwei Hunde. Außerdem ist er Küster der katholischen Kuratie St. Joseph und Kassier beim örtlichen Gewerbeverein (Verein für Handel und Gewerbe)











Der Siedlungsverein organisiert jährlich wiederkehrende Veranstaltungen: Osterbaumaufstellung,
Lampionfest und 
Adventskaffee, neuerdings auch ein Familienpicknick am 28. August auf dem Strube-Platz (Datum der Vereinslizenzvergabe).
 Am 25. April vergangenen Jahres hat der 36-jährige Oliver Frenzl den Vorsitz vom langjährigen Vereinschef Berthold Lorenz (17 Jahre Vorsitzender) übernommen. Vormals war Heinz Glaab von 1975 bis 2000 Motor des Vereins. Zurzeit steht Frenzl in Kontakt mit der Stadtverwaltung wegen Umgestaltung und möglicher Erweiterung der Schrebergartenanlage. Weiterhin möchte der junge Vorsitzende den Verein wieder zum Sprachrohr der Siedler zur Stadtverwaltung werden lassen. Hier nennt er als Beispiel die Park- und Verkehrsprobleme.

Durch Zufall zum Verein gekommen


Als leidenschaftlicher Fotograf, Bildbearbeiter, Internetseitengestalter und Ausstellungsmacher ist der 75-jährige in Hamburg geborene Peter Penke in der Siedlung verwurzelt und im Siedlungsverein engagiert. In Anerkennung für seinen Einsatz bekam er zusammen mit dem mittlerweile verstorbenen Heinz Glaab im Jahr 2013 die Barbarossa-Medaille der Stadt Erlenbach verliehen. Ruth Weitz, Mitarbeiterin des Medienhauses Main-Echo fragte ihn nach dem Grund und die Antriebsfeder für sein Engagement.

Peter Penke, Chronist des Siedlungsvereins Erlenbach und Initiator der Ausstellung in der Erlenbacher Frankenhalle.


Wie ist die Tätigkeit im Vorstand des Siedlungsvereins zustande gekommen?


Peter Penke: Es war eher ein Zufall. Durch meine Frau Sabrina entstand der Kontakt zu Heinz Glaab. Er wusste viel und sehr unterhaltsam zu den von ihm gesammelten Bildern zu erzählen. Beruflich komme ich aus der Datenverarbeitung. So lag es nahe, die Bilder zu digitalisieren und mich auch um die Homepage zu kümmern. Im Grunde genommen waren die Leute sehr froh, dass es jemand in die Hand nimmt.

Wie haben Sie die Fotoausstellung konzeptioniert?

Peter Penke: Ich habe sehr viel Bildmaterial von Heinz Glaab und den Siedlern als Material für die Fotoausstellung 2012 zum Jubiläumsfest 75 Jahre Siedlung bekommen. Daraus habe ich auch die jetzige Schau zusammengestellt, die einen Überblick über die Entwicklung von damals bis heute vermittelt.

Was gefällt Ihnen als ehemalige Großstadtpflanze hier besonders gut?

Peter Penke: Hier herrscht nicht die Anonymität der Großstadt. Man begegnet sich und kennt sich. Ich liebe den Main – und natürlich meine Frau!

Fotos: (c) Peter Penke, (c) Ruth Weitz


Ausführliche Informationen zur Geschichte der Siedlung und des Siedlungsvereins unter www.siedlungsverein-erlenbach.de