Freitag, 2. Mai 2014

Das gedruckte Buch wird trotz E-Book bleiben

Als freie Mitarbeiterin der Main-Echo-Redaktion habe ich fürs Blatt ein Interview mit dem Diplombibliothekar Ernst Arold aus Erlenbach geführt. Nach 33 Jahren Leitung der Stadtbibliothek in Erlenbach am Main ist er am 30. April aus seinem Dienst verabschiedet worden. Hier das Interview:


Welche Gedanken schießen Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an den 30. April denken?

Spontan fällt mir dazu ein: Der Mai beginnt und mit ihm die Freibadesaison. Ich schwimme nämlich leidenschaftlich gerne in unserem schönen Bergschwimmbad. Das ist für mich, nach der Stadtbibliothek, die wichtigste Erlenbacher Einrichtung. Aber Ihre Frage zielt natürlich auf die Bibliothek, deren Leitung ich nun nach über drei Jahrzehnten abgebe. Es ist schon ein wenig Wehmut bei den Gedanken an den 30. April. Die Stadtbibliothek war und ist mir wichtig. Die Arbeit als Bibliothekar war für mich immer mehr als ein Job. Das gilt wohl für die meisten in der Buchbranche Tätigen, egal ob Buchhändler, Autor, Verlagslektor, Bibliothekar usw. Das sind Berufe für „Büchermenschen“. Wer viel Geld verdienen will, sucht sich einen anderen Beruf.
Andere „Berufe“ neben der Tätigkeit als Bibliothekar habe ich ja schon lange. Ich bin auch Hausmann, Sekretär und Lektor und bemühe mich seit vielen Jahren, meine Frau, die Kinder- und Jugendbuchautorin Marliese Arold, bei Ihrer schriftstellerischen Arbeit zu unterstützen, damit sie die nötige Zeit hat, ihre tausend kreativen Ideen zu wundervollen Geschichten zu formen. Über 200 Bücher sind so schon entstanden. Ihre Krankheit beeinträchtigt sie leider zunehmend. Mir bleibt daher nicht mehr die nötige Zeit und Energie für die Leitung der Stadtbibliothek.

Was waren Ihre schönsten Erlebnisse als Leiter der Erlenbacher Stadtbibliothek?

In über 33 Jahren kommen schon einige schöne Erlebnisse zusammen. Das müssen gar keine spektakulären Events sein. Oft ist es ein interessantes Gespräch mit einem Bibliotheksbenutzer. Natürlich ist es auch ein tolles Gefühl, wenn eine Veranstaltung, die man organisiert hat, beim Publikum ankommt. Ich denke gerne an die Autorenlesung mit Christine Brückner Anfang der 80er Jahre zurück. Eine sympathische Frau, ohne die Allüren so mancher Bestseller-Autorin. Auch der von Dieter Schaller und Joachim Hammer gestaltete musikalisch-literarische Abend zum 30-jährigen Jubiläum der Stadtbibliothek war beeindruckend.
Ein absolutes Highlight in meiner beruflichen Laufbahn war natürlich die Neueröffnung der Stadtbibliothek in den Räumen am Bahnhofsplatz. Nach acht Jahren Unterbringung in einem Provisorium, vielen Umplanungen und Hindernissen war es 1996 endlich geschafft, und die Stadtbibliothek konnte ihr vielseitiges Medienangebot in neuen Räumen ansprechend präsentieren.

Was waren die größten Veränderungen im Verlauf Ihrer Tätigkeit?

Die acht Jahre der provisorischen Unterbringung in der Kleiderfabrik am Brückensteg haben wir nicht ungenutzt verstreichen lassen. Dort erfolgte die größte Umstellung in der Geschichte Stadtbibliothek: Die Karteikarten wurden von einer modernen EDV-Anlage abgelöst. Damals konnten wir leider noch nicht einfach passende Datensätze für unseren Medienbestand übernehmen. Wir mussten die bibliographischen Angaben zu jedem Buch in den Computer tippen. Nach anderthalb Jahren war es endlich geschafft, und „Kollege Computer“ half uns beim Ausleihbetrieb und bei der Verwaltung der Medien. In dieser Zeit besuchte uns Dr. Kaußler, ein Deutschlehrer mit Leib und Seele und absolut kein Technikfreak. Mit Blick auf die neue EDV-Anlage und die ausrangierten Karteikästen daneben meinte er: „Für solche stumpfsinnigen Sortierarbeiten sind die Computer genau richtig.“ Strichlisten führen, Karteikarten alphabetisch Sortieren ... all das wurde überflüssig. Das kann ein Computer schneller und besser. Die EDV ist aus einer modernen Bibliothek nicht mehr wegzudenken. Trotzdem muss jeder Bibliotheksmitarbeiter immer noch eines beherrschen - das Alphabet vorwärts und rückwärts, denn bis jetzt gibt es keinen Computer, der die Bücher wieder richtig in die Regale zurückstellt.

Wird das E-Book langfristig das gedruckte Buch ablösen und Bibliotheken überflüssig machen?

Das Buch generell wurde in der Vergangenheit schon oft totgesagt. Ich erinnere mich noch gut an einen Besucher der Stadtbibliothek im Sommer 1996. Wir waren eine der ersten kleineren Bibliotheken, die für unsere Benutzer einen Computer mit Internetzugang angeboten haben. Der Besucher bewunderte das Gerät und sagte mir: „Das ist die Zukunft. In fünf Jahren gibt es keine Bücher mehr.“ Als weitere Konsequenz meinte er, dass die Stadt Erlenbach sich das Geld für die Stadtbibliothek sparen sollte. Zum Glück gibt es immer noch Bücher und die Stadtbibliothek. Aber immerhin hat man es endlich geschafft, für ein Medium, für das bisher kein „Abspielgerät“ nötig war (außer vielleicht einer Lesebrille), Hard- und Software zu erfinden.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gedruckte Buch verschwinden wird. Die Generationen, die damit groß geworden sind, werden es immer dem E-Book vorziehen. Zum wahren Lesegenuss gehört zuallererst eine gut geschriebene Geschichte, gleich danach aber ein schön gestaltetes Buch. Der sterile E-Book-Reader kann damit nicht konkurrieren. Nur Technik-Freaks können sich dafür begeistern.
Man muss allerdings zugeben, dass das E-Book durchaus Vorteile hat. Vor allem Menschen, die gerne lesen und oft auf Reisen sind, werden das leichte Lesegerät, auf dem sich hunderte Bücher speichern lassen, schätzen. Faszinierend ist auch, dass man fast jedes Buch, für das man sich interessiert, via Internet in der nächsten Sekunde auf seinem E-Book-Reader lesen kann.
E-Books werden auf dem Buchmarkt in Zukunft sicher einen größeren Anteil haben als heute noch, aber sie werden das gedruckte Buch nicht völlig ersetzten. Auch die Bibliotheken mit ihren großen Beständen an Papierbüchern werden nicht überflüssig. Viele Texte gibt es gar nicht als E-Book, und wie schon gesagt, die meisten Leser lesen lieber ganz konventionell.
Was E-Books betrifft, haben die Bibliotheken längst reagiert. Die Stadtbibliothek beispielsweise hat sich mit 24 anderen fränkischen Bibliotheken zusammengetan und bietet im Internet unter www.e-medien-franken.de eine virtuelle Zweigstelle an. Die Benutzer jeder der angeschlossenen Bibliotheken können sich dort E-Books und andere elektronische Medien herunterladen. Das vielseitige Angebot an konventionellen und digitalen Medien sorgt dafür, dass Bibliotheken auch in Zukunft attraktiv bleiben.

Was geben Sie Ihrer Nachfolgerin Christine Fröhlich mit auf den Weg?

Frau Fröhlich kann und muss ich nichts mit auf den Weg geben. Sie war viele Jahre stellvertretende Leiterin der Stadtbibliothek Offenbach und bringt eine Menge Berufserfahrung mit. Sie lebt in Aschaffenburg und kennt die Mentalität und Leserwünsche der Menschen am Untermain. In den wenigen Wochen unserer Zusammenarbeit habe ich sie als kompetente Kollegin kennengelernt. Sie ist nicht nur ein „Büchermensch“ durch und durch und schreibt beispielsweise Rezensionen für den bibliothekarischen Lektoratsdienst, sie arbeitet auch im Bereich der Museumspädagogik und engagiert sich ehrenamtlich. Kurz und gut, sie ist eine vielseitige, kreativ denkende und pragmatisch handelnde Frau. Ich hätte mir keine bessere Nachfolgerin wünschen können.

Kinder an das Lesen heranzuführen und ihr Interesse für Bücher zu wecken, war Ernst Arold in seiner 33-jährigen Tätigkeit als Leiter der Stadtbibliothek Erlenbach immer sehr wichtig.
Foto: privat



Zur Person Ernst Arold

Ernst Arold wurde am 22. September1956 in Erlenbach am Main geboren. Nach dem Abitur 1976 studierte er Bibliothekswesens in Stuttgart. Sein Diplom erhielt er im Juli 1980 und übernahm ab ab 1. August 1980 die Leitung der Stadtbibliothek Erlenbach. Er ist verheiratet mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Marliese Arold. Das Paar hat zwei Kinder (Tochter Christiane, 30 Jahre, Sohn Benjamin 28 Jahre). Seine besonderen Interessen neben Büchern sind Schwimmen, Radfahren, und Musikhören.

ruw

Nach 33 Jahren Leitungstätigkeit verlässt Diplombibliothekar Ernst Arold (links) die Stadtbibliothek in Erlenbach und wird von Bürgermeister Michael Berninger verabschiedet. 

Foto: Ruth Weitz