Freitag, 20. Juni 2014

"Szenen aus Napoleons Zeiten": Geschichte zum Anfassen im Odenwälder Freilandmuseum

Mit Pulverdampf und lautem Knall werden die Schüsse aus den Vorderladern der preußischen Landwehr begleitet.
Mit Aussagen wie „Früher war alles besser als heute“ wird die vermeintlich gute alte Zeit glorifiziert. Es war aber gar nicht so lustig für die Menschen vor 100 und mehr Jahren, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das ist das ganze Jahr über im Odenwälder Freilandmuseum in Gottersdorf nachzuvollziehen. Derzeit wird dort auch die romantische Verklärung vom „Feld der Ehre mit Gott für König und Vaterland“ zurechtgerückt. Unter dem Titel „Szenen aus Napoleons Zeiten“ zeigen militärhistorische Vereine eine authentische Nachstellung der Befreiungskriege, die zum Ende der französischen Vorherrschaft unter Napoleon Bonaparte führten.

Noch bis zum Sonntag haben Interessierte Gelegenheit, die bunten Uniformen, das Lagerleben, Pulverdampf und Kanonendonner auf dem Gelände des Odenwälder Freilandmuseums aus nächster Nähe zu erleben und dabei auch noch viel über die historischen Hintergründe zu erfahren. Am Donnerstag, dem Frohnleichnamstag, wo die Vorführungen begannen, lief nicht alles nach Plan. Die Akteure mussten Rücksicht auf die Frohnleichnamsprozession legen. Geknallt werden durfte schon gar nicht. Deshalb begannen die Vorführungen mit militärischen Exerzitien, Gewehrsalven und Kanonendonner erst am Nachmittag. Auf Napoleons Truppen und Soldaten hoch zu Ross warteten die Besucher vergebens. „Die Franzosen kommen erst morgen Mittag“, erklärte die nette Dame am Kartenhäuschen.

Humorvoll und interessant schildert Organisator David Schiller in der Uniform eines Majors der Kavallerie im Stabsdienst der preußischen Landwehr von den Geschehnissen während der Befreiungskriege.

Organisator David Schiller (St. Goarshausen) kam den Besuchern am Eingang in der Uniform eines Majors der Kavallerie im Stabsdienst der preußischen Landwehr entgegen und lenkte sie auf die große Wiese vor dem Gutshaus. „Sie wollen eine Führung? Ich komme gleich zu Ihnen“, sagte er freundlich. Eine halbe Stunde erzählte er von der spektakulären Schlacht bei Leipzig 1813, wo Napoleon eine herbe Niederlage einstecken musste, von der Rheinüberquerung der Truppen und die Folgen für die Menschen in den Dörfern, wo die Soldaten Halt machten und zu allem Überfluss auch den Flecktyphus mitbrachten.

Bevor gekämpft wird, gibt es Branntwein für die Soldaten.
„Die eigentliche Katastrophe war die Hungersnot“, erklärte Schiller. Sämtliche Vorräte seien von den durchziehenden Truppen aufgegessen, das Getreide an die Pferde verfüttert worden. Zu allem Überfluss hätten die Bewohner auch noch ihre Betten räumen und auf der Ofenbank schlafen müssen. „Die Soldaten aßen Wurst, Brot und tranken Dünnbier, hinterließen zum Abschied Flöhe und Wanzen in den Betten“, veranschaulichte er das Dilemma der Bauern. 

Stolz und kampfbereit präsentiert sich diese bayerische Truppe.
Die Kanone wird von den schmuck gekleideten Kanonieren zum Abschuss vorbereitet.
Zum Soldatenleben sagte Schiller: „Das war nicht lustig damals“. Anders als in Hollywood-Filmen dargestellt, hätten die Kavalleristen nicht hoch zu Ross in schicken Uniformen gekämpft, sondern oft ohne Hosen, weil die ihnen durch anhaltende Nässe regelrecht vom Leib gefault seien. Mit diesen und vielen anderen Informationen genährt durften die Besucher dann authentische Exerzitien und Kampfgetöse mit lautem Knall und Pulverdampf erleben. Bevor die preußischen Landwehr-Soldaten ihre Vorderlader spannten, wurde ihnen ein Becher voll Branntwein als Zielwasser gereicht.
Beschaulichkeit im Lager der Truppen, wo sich die Frauen Handarbeiten widmen
Wem das zu laut und zu martialisch war, konnte sich im Lager umsehen oder zu den Marketender-Ständen gehen, wo es allerhand historisch Anmutendes zu kaufen und in Augenschein zu nehmen gab. Eine weitere Alternative bot sich im Besuch der 16 Gebäude mit authentischen Innenleben im Museumsdorf.

Am Samstag 21. Juni und Sonntag, 22. Juni, sind die Vorführungen im Odenwälder Freilandmuseum letztmals von 10 bis 18 Uhr zu sehen, dann erst wieder in zwei Jahren. Weitere Informationen im Internet unter www.freilandmuseum.com.

Militärische Exerzitien auf dem Gelände des Odenwälder Freilandmuseums.

Wo und was ist das Odenwälder Freilandmuseum?

Das Odenwälder Freilandmuseum im Walldürner Ortsteil Gottersdorf, nur wenige Kilometer von der bayerischen Landesgrenze entfernt, wird getragen vom Odenwälder Freilandmuseum e.V., dem -Förderverein zur Pflege ländlichen Kulturguts in Odenwald, Bauland, Taubertal und Neckarland. Und finanziell unterstützt vom Land Baden-Württemberg, der Stadt Walldürn, dem Neckar-Odenwald-Kreis und dem Regionalverband Unterer Neckar. Die historischen Gebäude ermöglichen tiefe Einblicke in die meist schlichte, aber auch sehr fesselnde Vergangenheit des ländlichen Lebens-vom 17. bis 20. Jahrhundert. Vom bescheidenen Taglöhnerhäuschen bis zum stattlichen Großbauernhof, von der dörflichen Postagentur bis zur Landschusterei, von der Grünkerndarre bis zur Ziegelhütte gewinnt der Besucher einen Eindruck von dem harten Leben seiner Vorfahren. Während der Museumssaison finden jeden Monat themenbezogene Veranstaltungen statt. Darunter im zweijährigen Rhythmus "Szenen aus Napoleons Zeiten", wo Mitglieder von militärhistorischen Vereinen aus dem Bundesgebiet und aus benachbarter Ländern die Ereignisse nach historisch belegtem Vorbild auf dem Museumsgelände sprichwörtlich in Szene setzen.
© Ruth Weitz