Montag, 28. Mai 2018

Ein Sprachgenie auf dem Weg zur Geschlechtsangleichung

Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch neben der Muttersprache Deutsch beherrscht Chris Fries aus Leidersbach fließend.  Foto: Ruth Weitz

Es ist ein komplizierter und langer Weg zur Geschlechtsangleichung, und es gehört viel Mut dazu. Chris Fries aus dem unterfränkischen Leidersbach hat den Schritt gewagt. Eigentlich hatte ich von der hiesigen Tageszeitung den Auftrag, über Menschen mit besonderem Sprachtalent zu berichten. In einer Meldung, einem so genannten Eckenbrüller, hatte die Redaktion dazu aufgefordert, sich zu melden. Eine Dame, die ich zufällig auch noch kenne, wurde von ihrem Ehemann ins Spiel gebracht. Sie lehnte eine Veröffentlichung in der Zeitung ab. Später dann rief eine Mutter in der Redaktion an und meldete ihren Sohn. Ich hatte nur zwei Mobilfunknummern, aber weder den Namen noch die Adresse. Also rief ich an, fragte nach Namen und Adresse und vereinbarte einen Termin. Es war ein kleines Abenteuer, das Haus zu finden. Es liegt ganz oben auf dem Berg an einer engen Straße. Es mutete ein wenig an wie eine Fahrt zu einer Trattoria über eine Bergstraße am Gardassee. Das, was beim Telefonat bereits angedeutet worden war, nahm nach dem Öffnen der Tür im wahrsten Sinne Gestalt an. Chris, so der Vorname meines Interviewpartners, war eigentlich eine Interviewpartnerin - ein »Transgender« - und erzählte mir während des Gesprächs ihre Geschichte. Sie befindet sich zurzeit mitten in einer Geschlechtsangleichung und wird, wenn alles abgeschlossen ist, eine Frau sein, die sich bisher im falschen Körper befand. In einigen Mails, die wir nach dem Interview austauschten, hat Chris unter anderem betont, dass sie ihren toleranten Eltern für die Rückenstärkung sehr dankbar ist. Außerdem möchte sie auch jetzt schon mit dem weiblichen Personalpronomen »sie« genannt und angesprochen werden. Es beeindruckt mich sehr, wie offen Chris mit ihrer Geschlechtsangleichung umgeht und anderen Mut machen will. Beeindruckt bin ich auch von ihrer Sprachbegabung. Sie spricht neben Deutsch vier Sprachen fließend: Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch.


Hier mein Originaltext zum Zeitungsartikel:


Chris Fries aus dem Leidersbacher Ortsteil Roßbach ist ein Sprachtalent und ein bewundernswerter Mensch, der offen mit seinem transidenten Weg umgeht. Mit 29 Jahren befindet sie sich mitten in der Geschlechtsangleichung vom Mann zur Frau und möchte anderen in ähnlicher Situation Mut machen, eine klare Entscheidung zu treffen und selbstbewusst für den gewählten Weg einzustehen.

Chris, die Abkürzung von Christiane, beherrscht neben der Muttersprache Deutsch noch weitere vier Sprachen: Spanisch, Italienisch, Englisch und Französisch. Nach dem Abschluss des Masterstudiengangs »Fach- und Medienübersetzen« an der Fachhochschule Würzburg möchte das Sprachtalent gerne den Berufsweg des Übersetzers in einer Fach-Agentur einschlagen. Von maschineller Übersetzung wie Google Translate hält Chris wenig, obwohl sie in den letzten Jahren beträchtliche Fortschritte gemacht habe. »Bei Fachübersetzungen, zum Beispiel technischer oder medizinischer Art, kommt man hier schnell an seine Grenzen«, so die Begründung.

»Am liebsten wäre mir, wenn eine Anstellung bei einer Übersetzungsagentur im Raum Frankfurt klappen würde«, sagt Chris. Der Heimatort Leidersbach ist dann nicht allzu weit weg. »Ich bin sehr dankbar, so tolerante Eltern zu haben, die mich immer unterstützt und mir Mut gemacht haben.« Diese Aussage erklärt, warum Chris auch heute noch gerne in seinem Elternhaus ist und die Nähe zur Familie ein wichtiger Punkt in Sachen Lebensqualität.

Schon in der Kindheit hat sich Chris’ Sprachgefühl gezeigt. Bei einem Urlaub in Österreich hat der Dialekt eine besondere Faszination ausgeübt und zur Nachahmung gereizt.« Ich finde es toll und wichtig, wenn Menschen ihren Dialekt pflegen. Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive ist schon lange bekannt: dialektale Varietät fördert das Sprachvermögen. Das Beherrschen der Hochsprache zusammen mit einem Dialekt stellt eine Art Zweisprachigkeit dar«, erklärt Chris.

Wechsel vom naturwissenschaftlichen zum sprachlichen Gymnasium


Der Wechsel vom Erlenbacher Hermann-Staudinger-Gymnasium mit naturwissenschaftlicher Ausprägung zum sprachlich sowie wirtschafts- und sozialwissenschaftlich orientierten Julius-Echter-Gymnasium in Elsenfeld war eine logische Entscheidung, um der Sprachbegabung den beruflichen Weg zu ebnen. An der Euro-Akademie in Aschaffenburg hat Chris dann nach dem Abitur eine Ausbildung zum staatlich geprüften Fremdsprachenkorrespondenten abgeschlossen und erklärt dazu: »Hier habe ich gerade die spanische Sprache optimieren können.«

Zunächst war der Plan, ein Studium fürs Lehramt an Gymnasien zu absolvieren. Das ist Chris mit dem Abschluss des Ersten Staatsexamens auch gelungen. Doch dann hat sie sich dazu entschieden, die medizinische und rechtliche Geschlechtsangleichung einzuleiten. »Ich habe eigentlich schon immer gespürt, dass ich anders bin, aber erst während des Studiums wurde mir klar, wie sich das Anderssein darstellt.« Chris berichtet, wie durch entsprechende Informationen der Entschluss gereift ist, den langwierigen und lebensverändernden Prozess auf sich zu nehmen. Ein Referendariat an wechselnden bayerischen Orten hätte das Vorhaben um Jahre zurückgeworfen, zumindest die Behandlung erheblich kompliziert.


Berufswunsch Übersetzerin 


So hat Chris sich entschieden, als Übersetzerin zu arbeiten. Die Option, das erforderliche Referendariat für eine Lehramtstätigkeit zu absolvieren, bestehe ja weiterhin. Ein finanzielles Zubrot zum Studium verdient sich Chris mit der Übertragung von Schulbüchern in ein digitales Format der Blindensprache für die Medienabteilung einer staatlichen Schule für Blinde und Sehbehinderte in Baden-Württemberg. »Das macht sehr viel Spaß, denn es bedeutet eine Herausforderung!« Chris könnte sich vorstellen, noch weitere Sprachen zu lernen. Zum Beispiel Russisch. Die Antwort auf die Frage, warum gerade Russisch: »Die komplizierte Grammatik reizt mich«.

Eine Video-Reportage zum Thema




Ein kleiner Spanischkurs

Im Spanischen gibt es sehr viele Sprichwörter mit dem Wort 'pan' (Brot), da es in Spanien Grundlage für praktisch jedes Essen ist. Ein typisches Sprichwort ist zum Beispiel »Con pan y vino se hace el camino«. Das heißt wörtlich: »Mit Brot und Wein pilgert es sich fein«. »Camino« wird in diesem Kontext oft groß geschrieben weil es für den »Camino de Santiago« (Jakobsweg) steht. Es bedeutet, dass man sich auf diesem Weg und natürlich auch im Leben allgemein mit den wirklich notwendigen Dingen ('pan' und 'vino' als Symbol) begnügen sollte und als Maßstab für den eigenen Lebensstil keine zu hohen Ansprüche ansetzen sollte.